BARROIS: „OCHSENHAUSEN IST DREI, VIER JAHRE VORAUS“



Verstärkt den Weg mit jungen Spielern möchte der 1. FC Saarbrücken TT in den kommenden Jahren gehen. Im Interview verrät Organisationsleiter Nicolas Barrois (29), warum Ochsenhausen als Vorbild für die Saarländer gelten kann, welche Ziele der Klub in der kommenden Saison in der Tischtennis Bundesliga (TTBL) angeht, und was er sich von den Neuzugängen Cristian Pletea und Shang Kun erhofft.

Shang Kun, Cristian Pletea

Die Neuen in Saarbrücken: Shang Kun und Cristian Pletea. (Fotos: 1. FC Saarbrücken TT)

Herr Barrois, gleich zwei Endspiele hat der 1. FC Saarbrücken TT in der vergangenen Saison verloren. Wie tief sitzt der Schmerz darüber noch?

Nicolas Barrois: Wir sind im Verein alle lange genug dabei, um das realistisch einschätzen zu können. Im Finale des ETTU-Cups war eine ganze Menge Pech in Form von Verletzungen dabei. Patrick Franziska kam mit einer Blessur von der WM und war im Hinspiel angeschlagen, beim Rückspiel war dann Darko Jorgic erkrankt und hatte die ganze Woche nicht trainieren können. Ich bin mir sicher: Hätten wir drei, vier fitte Spieler gehabt, wären unsere Chancen auf den Titel enorm gestiegen. Auch auf das TTBL-Finale in Frankfurt können wir erhobenen Hauptes zurückblicken. Alle drei Spiele gegen Ochsenhausen waren eng und hätten auch in unsere Richtung gehen können. Klar waren wir erst mal traurig, aber eine Stunde nach dem Spiel war die Stimmung im ganzen Team schon wieder umgeschlagen. Wir blicken voller Stolz auf eine tolle Saison zurück und wollen in der neuen wieder angreifen.

Seit 2011 schafft es Ihr Verein ununterbrochen in die Play-offs. Wie schwer ist es da, ein gleichermaßen ambitioniertes wie realistisches Saisonziel zu formulieren?

Barrois: Wir machen uns tatsächlich in jedem Jahr sehr viele Gedanken, wie wir unser Saisonziel formulieren. In den vergangenen Jahren haben wir immer die Play-off-Teilnahme als Ziel ausgegeben, mit der Ausnahme des Vorjahres. Aufgrund unseres stark verjüngten Kaders hatten wir für die vergangene Saison Platz vier bis sechs angepeilt – was wir mit dem Finaleinzug bekanntlich deutlich übertroffen haben. Aber wir wussten vor einem Jahr wirklich nicht, in welche Richtung es gehen würde. In der kommenden Saison nun erwarte ich eine stärkere Mannschaft als in der vergangenen, insofern peilen wir einen Platz unter den ersten drei an.

Gleich der Auftakt in die neue Saison hat es in sich: Zunächst geht es nach Ochsenhausen, dann kommt Borussia Düsseldorf ins Saarland. Ist es gut, dass diese Kracher gleich zum Start kommen, oder hätten Sie diese Duelle lieber zu einem späteren Zeitpunkt gehabt?

Barrois: Klar, der Auftakt hätte einfacher sein können, zumal im Anschluss mit der Fahrt nach Mühlhausen noch ein weiteres schweres Spiel ansteht. Aber wir nehmen den Spielplan, wie er kommt, früher oder später müssen wir eh gegen jeden Gegner ran. Und das erste Heimspiel gegen Düsseldorf zu haben, ist ja auch ein toller Kracher. Da wollen wir gut auftreten, die Mannschaft soll sich den Fans vorstellen und möglichst gleich von ihrer besten Seite präsentieren. Vielleicht gibt das sogar erneut eine Initialzündung für die weitere Saison. Im vergangenen Jahr war der Auftakt schließlich genau der gleiche: Damals haben wir die Duelle gegen Ochsenhausen und Düsseldorf knapp verloren – und anschließend richtig aufgedreht und neunmal in Folge gewonnen.

Wenn Sie es sich aussuchen könnten: Würden Sie lieber erneut ins Finale des ETTU- beziehungsweise des Europe-Cups einziehen, oder würden Sie lieber die nächste Runde in der Champions League erreichen?

Barrois: Es ist ganz klar unser Ziel, ins Viertelfinale der Champions League zu kommen. Aufgrund einiger Fehler ist uns das im Vorjahr nicht gelungen, und der Finaleinzug im ETTU-Cup war sicherlich schön – nichtsdestotrotz blicken wir fest auf die Champions League. Anhand der Setzung haben wir schon den Anspruch, die Gruppenphase zu überstehen. In der Saison 2016/17 sind wir bis ins Halbfinale gekommen, in dem wir damals gegen Orenburg gespielt haben. Das war ein Highlight für den gesamten Verein. Die Halle war voll, und die Zuschauer haben Tischtennis auf allerhöchstem Niveau gesehen. So etwas wollen wir wieder erleben.

Mit Cristian Pletea, der in der vergangenen Saison nur in den internationalen Vereinswettbewerben spielberechtigt war, und Shang Kun haben Sie zwei neue Spieler verpflichtet. Was versprechen Sie sich von den beiden?

Barrois: Cristian hat in Champions League und ETTU-Cup einige sehr gute Spiele gezeigt und auch bei verschiedenen internationalen Turnieren schon einige etablierte Spieler geschlagen. Wir wollen ihm nun die Chance geben, sich regelmäßig in der TTBL zu zeigen, und sind zuversichtlich, dass er eine ähnliche Entwicklung wie Tomas Polansky nehmen kann. Was Shang Kun angeht: Wir kennen sein Niveau, und wir wissen, wen er alles geschlagen hat. Da er zudem Linkshänder ist, kann er ein wichtiger Faktor im Doppel für uns werden. Ich bin mir sicher, dass er uns qualitativ und taktisch weiterhelfen wird. Zunächst kommt es aber darauf an, wie er sich in Deutschland zurechtfindet. Generell war es uns wichtig, im vorolympischen Jahr fünf Spieler zur Verfügung zu haben. Bis auf Shang Kun werden schließlich alle unsere Spieler für das große Ziel Tokio 2020 kämpfen.

Patrick Franziska

Patrick Franziska bleibt Führungsspieler beim FCS. (Foto: BeLa Sportfoto)

Vor zwei Jahren hatten Sie unter anderen mit Bojan Tokic, Tiago Apolonia und Patrick Baum ein relativ erfahrenes Team. Inzwischen finden sich mit Pletea, Polansky und Darko Jorgic drei U-21-Spieler in der Mannschaft. Erklären sie uns bitte Ihre Strategie.

Barrois: Ganz grundsätzlich ist es unser Ziel, europäische und natürlich auch deutsche Nachwuchsspieler zu entwickeln und sie an die Bundesliga heranzuführen. Wir wollen die Jungs über die zweite Mannschaft in die TTBL bringen – ob bei uns wie im Falle Polanskys oder über einen anderen Verein wie bei Deni Kozul, der künftig bei Jülich spielt, ist dabei gar nicht so wichtig. Vor anderthalb Jahren war die Situation so, dass wir an einem Scheideweg standen. Dass Patrick Baum nicht mehr lange bei uns spielen würde, war klar. Zudem wollte Apolonia nach Japan wechseln und Tokic etwas kürzertreten. Mit allen haben wir sehr offene und konstruktive Gespräche über die Zukunft geführt. Wir wollten daher eine neue Mannschaft um Patrick Franziska herumbauen und haben uns für den Weg mit Polansky und Jorgic entschieden. Ochsenhausen ist bei diesem Weg so etwas wie ein Vorbild. Sie haben vorgemacht, wie der kontinuierliche Aufbau von jungen Spielern funktioniert, und sind uns drei, vier Jahre voraus.

In der vergangenen Saison wurde Saarbrücken häufig eine Abhängigkeit von Patrick Franziska unterstellt. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Barrois: Natürlich ist Patrick ein sehr wichtiger Spieler für uns, aber er ist nicht der einzige. In der vergangenen Saison hatten wir auch etwas Pech. Einerseits hat sich Tomas Polansky verletzt. Ich bin mir sicher, dass er noch den einen oder anderen Etablierten geschlagen hätte. Andererseits hat sich Liao Cheng-Ting leider nur schwer in Deutschland eingelebt. Für die kommende Saison erhoffen wir uns durch Shang Kun mehr Stabilität. Mit Patrick soll er die jungen Spieler führen. Von seiner Erfahrung können alle nur profitieren, er verfügt schließlich über ein Know-how des Sports wie nur wenige andere.

Herr Barrois, vielen Dank für das Gespräch.

 

Beitragsfoto oben: BeLa Sportfoto