„ES IST UNFASSBAR“: LEV KATSMAN ÜBER DIE BISHERIGE SAISON MIT DEM TTC NEU-ULM



Ob in Tischtennis Bundesliga (TTBL), Champions League (TTCLM) oder mit dem russischen Nationalteam: Hinter Lev Katsman liegen erfolgreiche Wochen. Im Interview spricht der 20-Jährige über die bisherige Saison mit dem TTC Neu-Ulm und seine Siege gegen Lin Yun-Ju und Co.

Lev Katsman

In der TTBL steht Lev Katsman aktuell bei einer 3:2-Einzelbilanz. (Foto: BeLa Sportfoto)

Erst einmal noch herzlichen Glückwunsch zur Bronze-Medaille bei der U21-Europameisterschaft! Im Halbfinale haben Sie vor zwei Wochen mit 3:4 gegen Ioannis Sgouropoulos verloren, mit dem Sie in der Tischtennis Bundesliga (TTBL) gemeinsam für den TTC Neu-Ulm spielen. Wie haben Sie das Spiel gegen Ihren Teamkollegen und das gesamte Turnier erlebt?

Das Spiel gegen Ioannis war unfassbar hart. Ich habe bereits mit 3:0 Sätzen und 3:0 Punkten geführt – und am Ende trotzdem noch verloren. Normalerweise hätte ich das Match gewinnen und im Finale spielen müssen. Die Niederlage hat sehr, sehr wehgetan. Aber ich habe einige falsche Entscheidungen getroffen, Ioannis hat nach und nach an Selbstbewusstsein gewonnen. Und dann verliert man so ein Spiel eben doch noch. Trotzdem kann ich insgesamt mit meiner Leistung zufrieden sein. Nach den Siegen in der Champions League war der eine oder andere Spieler extra motiviert, mich zu schlagen. Der Druck war daher ziemlich hoch. Umso wichtiger war es für mich, das Niveau zu bestätigen und gegen einige sehr starke Spieler zu bestehen. Insgesamt kann ich also auf ein erfolgreiches Turnier zurückblicken.

Mit dem TTC Neu-Ulm haben Sie in den vergangenen Monaten eine Achterbahnfahrt hingelegt. Auf drei Siege folgten vier Niederlagen in Serie, zuletzt glückte gegen den ASV Grünwettersbach wieder ein Sieg. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?

Wir haben in jedem Spiel unser Bestes gegeben und durchaus gute Leistungen gezeigt. So ist eben der Sport: Heute gewinnst du, morgen verlierst du. Wir haben eine junge Mannschaft, da gehören Schwankungen dazu. Außerdem haben wir uns auch gegen Ochsenhausen und Düsseldorf gut geschlagen. Gegen Ochsenhausen haben wir erst im Doppel verloren. Für Tiago und mich war es der erste gemeinsame Auftritt, da hat noch etwas die Abstimmung gefehlt. Auch beim 0:3 gegen Düsseldorf wäre für uns mehr drin gewesen. Ich habe gegen Kristian Karlsson geführt, aber es nicht geschafft, das Spiel nach Hause zu bringen. Auch Ioannis hat nur knapp mit 2:3 gegen Dang Qiu verloren. Wer weiß, wie es gelaufen wäre, wenn wir diese Punkte geholt hätten? So ist eben die TTBL: Um hier zu gewinnen, musst du jedes Spiel auf einem unfassbar hohen Level spielen. Entsprechend wichtig war der 3:1-Sieg gegen Grünwettersbach für die gesamte Mannschaft.

In der vergangenen Saison verpasste Neu-Ulm nur knapp die Play-offs. Inzwischen ist mehr als ein Drittel der neuen Saison gespielt. Ist für den TTC erneut ein Platz in den Top vier in Reichweite?

Das ist unheimlich schwer zu sagen. So weit nach vorne blicken möchte ich nicht und kann ich auch nicht. Ich hoffe einfach, dass wir weiterhin so stark kämpfen wie bislang, dass wir unser Bestes geben. Und dann werden wir sehen, wofür es reicht. Natürlich wäre ich unfassbar glücklich, wenn es mit der Play-off-Teilnahme klappen würde. Aber es ist einfach noch zu früh, um darüber nachzudenken.

Vor allem in der Champions League hat der TTC Neu-Ulm beeindruckt und ist mit fünf Siegen aus sechs Spielen in das Viertelfinale eingezogen, und das, obwohl mit Tiago Apolonia der Führungsspieler nicht eingesetzt wurde. Wie hast du die beiden Gruppenphasen erlebt?

Dadurch, dass wir ohne Tiago angetreten sind, hatten wir nicht den ganz großen Druck. Klar, in der ersten Runde waren die Teams nicht so stark, da wurde ein Weiterkommen schon erwartet. In der zweiten Runde konnten wir dann aber ohne Druck aufspielen – vor allem Orenburg und Grodzisk Mazowiecki haben starke Mannschaften, gegen die wir nichts zu verlieren hatten. Diese Ausgangsposition hat uns definitiv geholfen. Außerdem hat uns Dima Mazunov perfekt eingestellt und uns gepusht. Persönlich habe ich extrem gut gespielt und vielleicht sogar mein bislang bestes Tischtennis gezeigt. Gegen Lin Yun-Ju, Chuang Chih-Yuan, Panagiotis Gionis – es ist unfassbar. Ich kann es selbst noch nicht ganz fassen, diese Spieler geschlagen zu haben.

Lev Katsman

Mit der russischen Nationalmannschaft holte Katsman sensationell EM-Silber. (Foto: BeLa Sportfoto)

In der TTBL dagegen steht Ioannis Sgouropoulos bei einer 0:4-Einzelbilanz, Vladimir Sidorenko bei 1:5, Sie stehen bei 3:2. Warum gelingt es noch nicht, auch in der Liga regelmäßig zu gewinnen?

Die Liga ist unfassbar stark. Um zu gewinnen, musst du in jedem Spiel dein absolutes Top-Niveau abrufen. Und auf diesem Level sind wir noch nicht – aber wir sind auf einem sehr guten Weg dahin. Ioannis und Vova (Vladimir Sidorenko) haben vor allem gegen Topspieler gespielt, das macht es noch einmal schwieriger, regelmäßig Siege einzufahren. Dazu kommt: Vova hat einige Tage krank gefehlt und ist noch nicht wieder in Top-Form. Aber ich bin mir sicher, dass wir ihn schon bald wieder in guter Verfassung erleben und er die guten Ergebnisse der Vorsaison bestätigt. Bei mir haben Kleinigkeiten gefehlt, sonst hätte ich einen, vielleicht zwei Siege mehr geholt. Aber das gehört alles zum Entwicklungsprozess von jungen Spielern wie uns dazu.

Im russischen Team mit Vladimir Sidorenko und Maksim Grebnev haben Sie bei der EM im Oktober sensationell die Silbermedaille gewonnen, auch die U21-EM wurde von Spielern aus der Bundesliga dominiert. Ist die TTBL ein besonders guter Ort für junge Spieler?

Ich kann nur für unser Team sprechen. Und uns haben die Erfahrungen, die wir in der TTBL gesammelt haben, extrem geholfen. Wir sind es aus der Liga gewohnt, gegen die besten Spieler der Welt zu spielen, und waren daher nicht erschrocken, als es gegen Topspieler wie Daniel Habesohn oder Robert Gardos ging. Denn diesem Niveau sehen wir uns regelmäßig in der TTBL gegenüber. Für junge Spieler wie uns sind die Erfahrungen, die wir Woche für Woche in der Bundesliga sammeln, unheimlich wichtig. Wir arbeiten jede Woche hart, um auf diesem Niveau bestehen zu können, und sind dafür belohnt werden. Dafür müssen wir uns auch bei Dima Mazunov bedanken, der immer alles für uns gibt. Er ist ein unfassbarer Trainer.

Zahlreiche Beobachter haben dem russischen Nationalteam eine große Zukunft prophezeit, darunter auch der Finalgegner aus Deutschland. Wie ist die Entwicklung des Tischtennis-Sports in Russland einzuschätzen?

Die Situation in Russland hat sich ein bisschen verbessert, trotzdem gibt es noch viele Probleme. Der Sport ist längst nicht so populär wie etwa in Deutschland. Als Spieler ist das natürlich nicht zufriedenstellend. Daher hoffen wir, in den kommenden Jahren einen kleinen Beitrag dabei leisten zu können, mit Erfolgen den Sport populärer zu machen.

Beitragsbild oben: Lev Katsman (Foto: BeLa Sportfoto)