PREUß: „NICHTS IST SO ALT WIE DIE ERFOLGE VON GESTERN“



Schwierige Monate liegen hinter Borussia Düsseldorf und Andreas Preuß. Erstmals seit 2006 blieb der deutsche Branchenprimus sowohl in der Tischtennis Bundesliga (TTBL) als auch bei den Deutschen Pokalmeisterschaften ohne Titel. Wir haben mit dem 57 Jahre alten Borussen-Manager über die Konsequenzen aus der vergangenen Saison gesprochen, über Ricardo Walther und Kamal Achanta sowie die Zeit nach Timo Boll.

Andreas Preuß

Andreas Preuß (Foto: BeLa Sportfoto)

Herr Preuß, die Saison 2018/19 ging für Borussia Düsseldorf ohne Titel zu Ende ...

Andreas Preuß: Es war ein schwieriges, ein kompliziertes Jahr, keine Frage. Unsere Saison war insgesamt gar nicht so schlecht, wie es auf den ersten Blick vielleicht wirkt. Wir sind in der Liga als Tabellenzweiter in die Play-offs gekommen und hätten mit etwas Glück auch Erster werden können; in der Champions League standen wir im Halbfinale und haben uns dort teuer verkauft. Aber in den Top Games, so ehrlich muss man sein, waren wir nicht auf der Höhe. Wir haben gebissen, wir haben gekämpft – aber am Ende waren andere besser. Das gilt es zu akzeptieren, denn so ist der Sport.

Was bedeutet das für das Selbstverständnis des Vereins?

Preuß: Wir haben zuletzt vielleicht über unsere Verhältnisse gespielt und trotz sehr starker Konkurrenz immer wieder die Titel geholt. Es hat mich überrascht, dass Ochsenhausen und auch Saarbrücken in den vergangenen Jahren so wenige Titel geholt haben. Beide haben schließlich einen sehr starken Kader. Dass es jetzt sogar ein Finale ohne Düsseldorfer Beteiligung gegeben hat, kann der Liga und dem Tischtennis-Sport insgesamt aber nur guttun, weil es den Wettbewerb fördert und damit attraktiver macht. Aber nicht, dass wir uns falsch verstehen: Wir haben den Anspruch, wieder oben zu stehen, und werden wieder angreifen. Nichts ist älter als der Erfolg von gestern.

Welche Dinge gibt es in der kommenden Saison denn besser zu machen als in der vergangenen?

Preuß: Wir sind natürlich in uns gegangen und haben die Saison analysiert. Aber man findet nicht den einen Grund. Viele Dinge sind zusammengekommen: Timo Boll hat uns aufgrund einer Verletzung eine ganze Zeit gefehlt, Omar Assar hatte im Saisonverlauf eine Schwächephase. Daraus haben wir den Schluss gezogen, dass wir unbedingt fünf Spieler brauchen, um solche Ausfälle kompensieren zu können. Angesichts des engen Terminkalenders und der vielen Turniere muss man ja fast schon froh sein, wenn die Jungs, übertrieben gesagt, bei den Play-offs noch atmen können. Da kann sich im Laufe der Saison immer mal jemand verletzen oder in ein Loch fallen. Entsprechend limitiert sind die Steuerungsmöglichkeiten für uns Verantwortliche. Zudem haben wir noch nicht die perfekte Variante für die Doppel gefunden. Alle weiteren Gründe und Maßnahmen sind und bleiben intern.

Timo Boll

Ein Nachfolger für Timo Boll? Da ist Andreas Preuß optimistisch. (Foto: BeLa Sportfoto)

Fünf Spieler ist ein gutes Stichwort: Sie haben den Kader um Ricardo Walther ergänzt. Was versprechen Sie sich von ihm?

Preuß: Zunächst mal einen sportlichen Schub. Er ist erst 27 Jahre alt und kann sich noch weiterentwickeln. Er wird uns dabei helfen, uns sportlich zu stabilisieren, auch weil er ein guter Doppelspieler ist. Zudem ist er einfach ein guter Typ und wird das Team sehr gut ergänzen.

Kamal Achanta wurde dagegen immer wieder als Abgang gehandelt, seinen Namen sucht man aber vergeblich auf der Transferliste. Wie sehen hier die Planungen aus?

Preuß: Es war von vornherein klar, dass er zu keinem anderen Klub wechseln, sondern nur noch Turniere spielen wird und sich für die Olympischen Spiele 2020 qualifizieren will. Da er bei uns aufgrund seiner Verdienste ohnehin lebenslang Hausrecht hat und zudem eine enge Freundschaft gewachsen ist, hat sich Kamal breitschlagen lassen, seine Spielberechtigung zu behalten. Somit haben wir in einer Notsituation eine Option mehr. Und wir wissen, dass wir uns voll auf ihn verlassen können: Würden wir jetzt anrufen, würde er in Indien ins Flugzeug steigen, wäre morgen da – und hätte das Borussia-Trikot schon angezogen.

Mit Timo Boll naht nicht nur für einen Ihrer Leistungsträger angesichts von 38 Jahren das Karriereende, sondern auch für eine Galionsfigur des Tischtennis-Sports in ganz Deutschland. Brauchen wir einen „neuen Boll“? Und wenn ja: Wo könnte man ihn hernehmen?

Preuß: Früher dachte man, es würde nie wieder einen wie Jörg Roßkopf geben – und dann kam Boll. Dass es eine neue Gallionsfigur geben muss, ist unstrittig. Aber da sieht es meiner Meinung nach nicht so düster aus, wie das manch einer meint. Es gibt schon ein paar jüngere, talentierte Spieler. Ich denke da an Dimitrij Ovtcharov, Patrick Franziska, Dang Qiu, Kilian Ort, Ricardo Walther, Benedikt Duda. Sie alle werden jeweils noch an zwei, drei Olympischen Turnieren teilnehmen. Zudem werden erhebliche Anstrengungen unternommen, um diesen „neuen Boll“ zu finden. Letztlich braucht es meiner Meinung nach zwei Dinge: einerseits Zeit und andererseits intensives Training. Dann wird in einigen Jahren jemand Neues diese Rolle bekleiden.

Herr Preuß, vielen Dank für das Gespräch.

 

Beitragsfoto oben: Reinhard Arras